Hamm, den 7.9.34
Meine Lieben! Ihr werdet sicher traurig sein, wenn Ihr meinen Brief erhaltet. Nun, ich lasse den
Kopf nicht hängen! Das hat auch gar keinen Zweck. Zu Eurer Information jetzt einige Mitteilungen: Ich
wurde am 26.8. in Hagen verhaftet. Man legt mir zur Last, daß ich für die KPD gearbeitet habe.
Außerdem läuft ein Strafverfahren gegen mich aus dem Jahr 1933. Zu dieser Sache findet am Dienstag,
dem 11.9., bereits der Termin statt. Daß man die neue Sache mit der alten verbinden wird, ist wohl
nicht anzunehmen. Nach den neuen verschärften Strafbestimmungen erwarte ich ein ganzes Jahr Zuchthaus.
Nun erschreckt nicht zu sehr. Gertrud, weine nicht. Ich gehe doch für meine Überzeugung ins
Gefängnis, ohne die mein Leben keinen Sinn hätte.
So viele sitzen hinter den Mauern und bleiben ihrer Sache treu. Und ich bin auch kein Schwächling.
Vielleicht könnt ihr mich während des Termins noch einmal sehen. Ich würde mich sehr freuen.
Aber weint mir nur nichts vor.
An Friedel habe ich bereits geschrieben und ihr auch meine Wünsche in Bezug Wäsche mitgeteilt. Wenn
ich abgeurteilt werde, brauche ich sie aber nicht.
Was macht Papa? Ist er wieder zu Hause? Ich hoffe, daß er seine Hanna verstehen wird. Meine Auffassung
ist, daß man für seine Überzeugung Opfer bringen muß. Ich meine es damit sehr ernst und nehme nichts
auf die leichte Schulte. Es gibt so viele, die hinter den Mauern sitzen und trotzdem treu bleiben.
Macht mir bitte keine Vorwürfe, sondern begreift und behaltet mich lieb. - Ich habe nämlich gelesen,
daß Walter 3 Jahre bekommen hat.
Sonst weiß ich nichts zu schreiben. Grüßt alle recht herzlich von mir. Vor allem die Kinder. Tante
und Onkel werden sich ja auch Sorgen um mich machen. Die Hanna war für sie ja immer so ein Außenseiter,
die immer allen Leuten manchmal rücksichtslos ihre Ansichten entwickelte. Mittlerweile ist sie 30 Jahre
alt geworden und ist ruhig und wie man sagt, vernüftiger geworden. - Aber in einer Beziehung bin ich
die Alte geblieben: Ich liebe und Kämpfe für meine Überzeugung und bin bereit, dafür auch schwere
Opfer zu bringen.
Also haltet Euch munter. Ich will auch sehen, daß ich mich zusammenreiße, damit ich nicht als alte
Frau herauskomme.
Es umarmt Euch und drückt Euch recht herzliche die Hände
Eure Hanne
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